Der Engel, der dem eigenen Hirn entspringt
Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 12.07.2010
Holzgerlingen Extrembergsteiger Dieter Porsche schreibt im jüngsten Buch über das Phänomen des "dritten Mannes". Von Anja Tröster

Lange hat er nicht darüber geredet. Auf keinen Fall wollte Dieter Porsche als einer enden, der plötzlich Schlagzeilen machen will, um jeden Preis. Sein Freund Günter Seyfferth hat ihn dann doch überzeugt, indem er die Geschichte des Bergsports nach ähnlichen Beispielen durchforstete: "Du bist in guter Gesellschaft", habe er ihm Mut gemacht.
Und so erfahren die Leser von Dieter Porsches neuem Buch "Der versteckte Achttausender - Triumph und Tragödie am Hidden Peak", wie er am Conway-Pass zwischen Nepal und Afghanistan einem Menschen begegnete, den es nicht gab.
Zum Zeitpunkt dieser Begegnung lag der Sturz von Porsches Expeditionskamerad Peter Guggemos schon Stunden zurück. 300 Meter war Guggemos in die Tiefe gestürzt, und gerade noch einmal war alles gutgegangen. Während Guggemos zum Lager III zurückkehrte, hatte Porsche den Aufstieg zum Gipfel des 8086 Meter hohen Hidden Peak, auch Gasherbrum I genannt, alleine gewagt. Auf 7800 Meter Höhe sah er plötzlich einen Soldaten stehen.
Er grüßte winkend, der Soldat winkte zurück. Man rief sich ein paar Worte auf Englisch zu, Porsche fotografierte den Mann vor der eindrucksvollen Kulisse, dann ging er weiter. Darüber, dass ein nepalesischer Soldat kaum einen Grund gehabt hätte, bei einem alltäglichen Kontrollgang bis auf 7800 Meter aufzusteigen, machte er sich zunächst keine Gedanken. Erst nach seiner Rückkehr ins Basislager stutzte er: Auf dem Bild vom Pass war nämlich kein Soldat zu sehen - sondern nur Einöde.
War er nun Opfer einer Halluzination? Haben ihm seine überreizten Sinne Sicherheit vorzugaukeln versucht? "Bis heute habe ich keine Erklärung dafür", sagt Porsche zögernd. "Irgendwie scheint der Geist sich zu wünschen, dass da jemand ist."
Tatsächlich haben nicht nur Bergsteiger solche Erscheinungen gehabt. Auch der Polarforscher Ernest Shackleton kämpfte nach der Rettung von Elephant Island 1916 einst lange mit sich, ob er im Expeditionsbericht über die Begegnung mit dem sprechen sollte, was er für einen Schutzengel hielt - er tat es, und seither heißt ein Begleiter dieser Art, nach einem Gedicht von T. S. Eliot, "der dritte Mann".
Wie häufig solche Begegnungen sind, hat der kanadische Journalist John Geiger für sein Buch "Der Schutzengel-Faktor - das Geheimnis des Überlebens in Extremsituationen" recherchiert. Fast immer sind Menschen betroffen, die alleine sind und darunter leiden - selbst dann, wenn sie sich womöglich aus eigenem Entschluss in diese Lage begeben haben. Oft kommt eine schreckliche Monotonie hinzu - wie bei Wissenschaftlern, die für Monate in polaren Stationen arbeiten. Charles Lindbergh hatte während seines Transatlantikfluges das Gefühl einer Gegenwart, Reinhold Messner sah bei seiner Überquerung des Nanga Parbat einen Mann vor sich hergehen.
Eine eindeutige Erklärung hat die Wissenschaft bis heute nicht gefunden, auch wenn es viele Erklärungsversuche gibt. Für Günter Seyfferth steht fest, dass es sich um eine Art Motivationsversuch des menschlichen Gehirns handelt: Wo der Wunsch aufzugeben übermächtig werde, schreibt er im Nachwort zu Dieter Porsches Buch, entwickle der Selbsterhaltungstrieb ungeahnte Reserven.
Dieter Porsche: Der versteckte Achttausender. Triumph und Tragödie am Hidden Peak. Pietsch-Verlag (19,95 Euro).
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