Pik Lenin Tagbuch Teil 1
02.08.2009
Flug nach Bishkek (750 m)
Um 9:30 Uhr fahren Judith, Jerome und ich mit der S-Bahn nach Stuttgart, wo es dann mit dem ICE zum Flughafen Frankfurt geht. Das umfangreiche und schwere Gepäck ist im Zug nur sehr schwierig zu verstauen und so bleibt uns nichts anderes übrig, als es auf den Gängen abzustellen, was wiederum das Durchkommen der anderen Fahrgäste und des Zugpersonals erschwert.
Schnell vergeht die Zeit und am Flughafen treffen wir Thomas, der Vierte im Bunde.



Seine Frau Manuela und sein Sohn Ricky haben ihn mit dem Auto zum Flughafen gebracht. Seine unerwartet angereisten Freunde aus dem Ruhrgebiet bereiten ihn eine besondere Freude. Wir trinken noch etwas zusammen und geben dann unser Gepäck am Schalter der Aeroflot auf. Obwohl wir ein paar Kilo Übergepäck haben, gibt es keine Probleme bei der Abfertigung.


Pünktlich hebt die Maschine kurz nach 14:00 Uhr von der Landebahn ab und wir fliegen zuerst nach Moskau, wo wir nach dreieinhalb Stunden Flugzeit landen. Die drei Stunden Aufenthalt am Fughafen vergehen schnell, da wir hier auf die DAV Summit Club Gruppe unter der Leitung von Stefan Bitriol treffen, mit der wir zum Berg anreisen. Der Anschlussflug nach Bishkek geht dann um 22:00 Uhr Ortszeit von Moskau.
03.08.2009
Rasante Fahrt nach Osh (1500 m)
Gegen 5:00 Uhr landen wir in Bishkek, der Hauptstadt von Kirgisistan. Die örtliche Agentur, die vom DAV Summit Club beauftragt wurde, hat fünf ältere Mercedes T-Modellen vor dem Flughafen bereitgestellt, die uns nach Osh bringen sollen.



Die Straßen sind in diesem Abschnitt noch gut ausgebaut. Allerdings müssen mehrere Gebirgsketten überwunden werden und dementsprechend sind die Straßen teilweise sehr kurvig und manchmal schlecht einzusehen. Die Fahrer beeindruckt das nicht sonderliche und sie liefern sich regelrechte Straßenrennen. Jeder möchte der Schnellste sein, was unweigerlich einem Fahrstiel wie auf dem Hockenheim oder dem Nürburgring ähnelt. Nach einiger Zeit haben wir uns daran gewöhnt und wir hoffen, dass sie wissen was sie tun und sich nicht überschätzen. Nach zwei Stunden geht es über den 3184 m hohen Ala-Bel Pass, auf dessen höchsten Punkt sich ein langer unbeleuchteter Tunnel befindet. Am Tunneleingang ist noch herrlicher Sonnenschein und am Ausgang sind wir im Stau der Wolken und es ist unangenehm kühl. Hinter dem Pass durchfahren wir einen Landstrich mit wüstenartigem Charakter mit entsprechend hohen Temperaturen, die uns einen Vorgeschmack geben, was wir möglicherweise noch zu erwarten haben. Nach weiteren drei Stunden flotter Fahrt schlängelt sich die Straße entlang des riesigen Stausees Toktogul, an dem wir mehr als eine Stunde entlang fahren.



Gegen Mittag ist es unangenehm heiß und neben den Straßen sind nur noch vereinzelt Jurten, an denen landwirtschaftlichen Produkte und Getränke am Straßenrand angeboten werden. In einem netten Restaurant am Wegesrand machen wir eine Mittagspause.

Im Anschluss geht es in dem inzwischen gewohnten Tempo weiter durch die endlose Landschaft und die Ortschaften Kara-Kul, Tas-Kömür und Dzalal-Abad, wo wir nochmals eine klein Pause einlegen. Schließlich nach etwa 12 Stunden Fahrzeit und 650 km Strecke erreichen wir Osh am späten Abend. Geld wechseln ist heute nicht mehr möglich, da die Wechselstuben schon geschlossen haben. Auch unsere Briefmarken für die Postkarten können wir nicht besorgen, da alle Geschäfte schon geschlossen haben.
04.08.2009
Staubige Fahrt nach Ashik Tash (3700 m)
Um 4:00 Uhr ist die Nacht für uns vorüber und nach einem dürftigen Frühstück starten wir mit zwei Bussen in Richtung Ashik Tash Lager, das von Osh 230 km entfernt ist.



Beim ersten Streckenabschnitt über den Ciyrcik-Pass 2706 m und den 3615 m hohen Taldyk–Pass kommen wir nur quälend langsam voran, was zum einen am Straßenzustand und zum anderen am untermotorisierten Bus liegt. Eine Reifenpanne zwingt uns zusätzlich zu einer längeren Pause, da zuerst ein Reservereifen mit der falschen Felge montiert wird und diese prompt an der Bremse streift.



Auf der Passhöhe des Taldyk–Passes befindet sich die Statue eines Schneeleoparden der in die Richtung des Pik Lenin schaut. Der Pik Lenin ist heute allerdings hinter den Wolken versteckt und so fahren wir nach einem kurzen Stopp auf der Passhöhe weiter.



Die gesamte Strecke ist eine einzige Baustelle und so müssen wir kurz darauf wegen Sprengarbeiten einen erneuten Stopp einleben. Nachdem wir dem Gebirgszug überwunden haben, wird die Straße immer staubiger und in kürzester Zeit ist im Bus alles mit einer dicken Staubschicht überzogen. Bei der Ortschaft Sary-Mongol biegt der Bus dann von der befestigten Straße ab und quält sich über eine unbefestigte Straße mit tiefen Furchen in Richtung Gebirge nach oben. Es müssen vereinzelt Bachbette durchfahren werden, die jedoch alle Niedrigwasser haben und somit kein Problem darstellen. Das Gebirge rückt jetzt immer näher und nach einer Stunden Fahrt auf der unbefestigten Straße erreichen wir das Ashik Tash Lager nach einer Gesamtfahrzeit von 10 Stunden. In diesem Lager war ich bereits 1994 zur Akklimatisation auf dem Weg zum Basislager des Pik Kommunismus. Von dem regen Treiben von damals ist nichts mehr zu spüren, in dem „International Mountaineering Camp“ sind wir die einzige Gruppe, wo einst mindestens hundert Bergsteiger in vielen Zelten untergebracht waren.

Damals wurden die Bergsteiger mit dem Hubschrauber eingeflogen, heute ist die Anreisen mit dem Auto üblich. Von den einstmals guten Zeiten ist nicht viel geblieben und so ist es nicht verwunderlich, dass die Gebäude in der Zwischenzeit etwas heruntergekommen sind. Eine Generalsanierung wäre hier dringend notwendig. Dafür ist die Landschaft um das Lager herum einfach fantastisch und der die Sicht auf dem Pik Lenin und die Nachbarberge gewaltig. Bei unserer Ankunft hüllt sich der Pik Lenin allerdings in Wolken und so müssen wir uns noch etwas gedulden, bis wir ihn sehen können.
05.08.2009
Überprüfung der Ausrüstung in Ashik Tash (3700 m)
Am Morgen regnet es etwas und so beginnen wir mit der Überprüfung der Zelte und der Gruppenausrüstung im Speiseraum.



An den meisten Zelten müssen die Abspannschnüre ersetzt werden, da sie bei früheren Einsätzen offensichtlich abhandengekommen sind oder abgeschnitten wurden.



Bei Sturm können diese in den Hochlagern kaum noch angebracht werden und so muss jetzt mit entsprechender Sorgfalt gearbeitet werden.


Am Nachmittag stellen wir die Verpflegung für das Basislager und der Hochlager sowie die persönliche Ausrüstung zusammen, die mit Pferden und Eseln transportiert werden.
06.08.2009
Akklimatisationstour zum Pik Petrowskije (4400 m)
Ein wunderschöner Sonnenaufgang lässt uns heute Morgen schon um 6:00 Uhr aufstehen.



Judith und ich gehen sofort in Richtung Zwiebelwiese, um einen Blick zu unserer Aufstiegsroute oberhalb von Lager II am Pik Lenin werfen zu können. Was ich sehe, bestätigt meine Informationen, dass die Route sehr lang ist und einiges an Durchhaltevermögen verlangt.



Wir drehen nach einer Stunde um und kehren zurück zum Ashik Tash Lager, wo wir gerade rechtzeitig zum Frühstück eintreffen.



Gegen 9:30 Uhr starten wir dann zu unserer erste Akklimatisationstour über den langen Rücken des Pik Petrowskije bis zu einer Höhe von 4400 m Höhe, von wo aus ein Weiterkommen nur mit Steigeisen möglich ist.



Nach einer längeren Pause steigen wir um 13:30 Uhr über einer steilen Schuttrinne hinunter zum Ashik Tash Lager.



Ein schöner Ausflug, welcher zur Anpassung an die Höhe zwingend notwendig ist und den wir beim Besuch der Sauna schnell wieder von seiner guten Seite sehen, selbst wenn es für den einen oder anderen doch etwas anstrengend war.
07.08.2009
Akklimatisationstour zum Putischestwennikow Pass, auch „Mehlpass“ genannt (4100 m)
Nach dem Frühstück gehen wir über die Zwiebelwiese bis zum Beginn eines Felskammes, auf dessen rechte Seite sich ein Tal erstreckt, in dem wir nach oben steigen.



Ein schöner Wasserfall, gleich zu beginn des Tales, ist ein willkommenes Fotomotiv. Ein steiler Weg, der in Spitzkehren nach oben zieht, bringt uns schließlich zum Putischestwennikow Pass (4100 m), von dem aus wir allerdings die Aufstiegsroute am Pik Lenin noch nicht einsehen können.



Daher steigen wir auf dem Gratrücken bis auf eine Höhe von 4300 m, von wo aus wir eine einmalig schöne Aussicht haben. Hier bleiben wir eine Stunde und treten dann den Rückweg an.



Als wir am Ende der Schlucht eine Pause einlegen, stockt uns der Atem, als wir miterleben, wie ein Kleinbus den Hang herunterstürzt und unten zerschellt. Im Eilschritt laufen wir zum Unfallort um zu sehen ob jemand zu Schaden gekommen ist.



Glücklicherweise ist niemand im Bus gesessen und so ist nur Sachschaden entstanden. Das Fahrzeug hat sich selbstständig gemacht, als der Fahrer danebenstand. Er musste machtlos zusehen, wie sich das Gefährt wie von Geisterhand selbstständig gemacht hat und den Abgrund hinunter rollte. Auf dem Rückweg zum Ashik Tash Lager machen wir noch einen Stopp an ein paar Jurten und decken uns mit Getränken ein.
08.08.2009
Anreise zum Basislager (4395 m)
Vom Ashik Tash Lager (3700 m) fahren wir zuerst ein Stück mit dem Bus über die Zwiebelwiese bis zum Ende der Fahrstraße.



Von dort steigen wir gemütlich hinauf zum Putischestwennikow Pass (4100 m), von wo aus wir eine grandiose Aussicht auf den Pik Lenin haben. Von der Passhöhe geht es dann etwa 400 m hinunter zum Gletscher, dem wir auf einem abschüssigen Weg eine geraume Zeit bis zu einer interessante Bachquerung folgen.



Der Bach muss entweder mit Springen von Stein zu Stein oder mit durchwaten überwunden werden. Jeder hat hier sein eigenes Rezept und so gibt es ausreichend Gelegenheit die einzelnen Techniken fotografisch festzuhalten.



Im Anschluss führt der Weg nochmals steil nach oben auf die Moräne des Lenin-Gletschers, auf der die örtliche Agentur bereits das Küchenzelt und die Essenszelte in 4395 m Höhe errichtet hat. Die Lage des Basislagers hat Vor– und Nachteile.



Der entscheidende Vorteil ist, dass die Zelte nicht direkt auf dem Gletscher stehen, der große Nachteil ist jedoch die große Entfernung zum Berg. Kein anderes Lager ist so weit entfernt von der Aufstiegsroute wie unseres. Als unser Gepäck mit Esel und Pferde im Basislager eintrifft, beginnen wir sofort mit dem Aufbau unserer Zelte und richten uns häuslich ein.

Ein schöner Sonnenuntergang beschließt den ersten Tag in unserem Basislager. Leider wird der Pik Lenin dabei nicht komplett von den Wolken freigegeben.
Pik Lenin Tagebuch Teil 2
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